Wundergeschosse: Das leidige Thema!

Wundergeschosse: Das leidige Thema!

Letzte Woche ist es wieder passiert: Ein international bekannter, nicht unumstrittener Star der Szene hat mal wieder eine Wundermunition entdeckt. Ein Messingring gibt dabei Bleielemente frei und ein „Penetrator“ aus Polymer besorgt dann die Tiefenwirkung.  Präzison ist angeblich im Rahmen, Zuverlässigkeit bedingt durch die Geschossform auch bei schweren Fällen, welche Teilmantel oder Hohlspitzmunition nicht mögen überdurchschnittlich. Ansonsten keine Überraschungen: +P geladen und 124 Grain… bevor es sich zerlegt! Keine Überraschungen, warum also die Beschäftigung mit dem Sachverhalt? Die Antwort fällt schwer und leicht zugleich. Es vergeht kein Kurs, kein Tag auf der Schießbahn und keine Diskussion mit langjährigen Begleitern in der Industrie, ohne dass das Thema Handwaffenmunition nicht irgendwann aufkommt. Dabei liegt die Antwort irgendwo im Spannungsfeld zwischen Taktik, Verfügbarkeit und Physik.

Für die meisten Dienstwaffenträger stellt sich die Frage nach der Wahl ihrer Munition nicht. Sie müssen das verwenden, was in ihrer Organisation eingeführt ist. Umso wildere Stiblüten produziert der Zivilmakt, wo eine große Palette an Herstellern und Laboraten um die Gunst der Kundschaft buhlt. Diese Vielfalt schlägt sich wiederum in der Unzufriedenheit mit dem vermeintlich ungeeigneten Material im dienstlichen Kontext nieder. Dabei sind die verwendeten Mittel zur Überzeugung der effektsüchtigen Kundschaft geprägt durch pseudowissenschaftliches Gebaren und visuelle Effekthascherei. Wer sich regelmäßig einem Block Clear Ballistics mit eingegossenem PVC Rohr und zwei Lagen Jeans Stoff davor als Bedrohung gegenüber sieht, der ist sicherlich auf dem richtigen Weg. Die Frage aber ist, was ist da draußen wirklich los und was muss Munition können um zu bestehen?

In unseren Breiten verläuft die Frontlinie der Diskussion zumeist innerhalb der Grenzen von 9x19mm. Dankenswerterweise ist es nur seltenst notwendig das Thema .45 ACP oder sogar 10mm sowie .357 SIG zu adressieren. Und hier liegt gleich der Hund vergraben. Warum eigentlich dieser anämischer Dinosaurier aus dem Vorabend des Ersten Weltkrieges? Und wenn wir schon dabei sind: Warum eigentlich Pistole?

Ja warum eigentlich? Schließlich müssen wir durch Autotüren, Fensterscheiben, Plastikpalmen, Sperrholzplatten und ERST dann durch Kleidung, Haut, Gewebe und Knochen? Dem ersten Leser aus der Hohlspitzzerlegeexpansivmannstopfraktion dämmert langsam, dass die AD60 nicht immer das Schlechteste ist, aber auch nur dann wenn man nichts anderes als eine Pistole hat! Damit sind wir beim Thema Verfügbarkeit angekommen. Die Patrone 9×19 ist alles andere als ideal, wenn man sie solitär betrachtet und in Relation zu anderen Handwaffenkalibern stellt. Aber sie ist kompakt, verfügbar, beherrschbar, im Verbund mit den jeweiligen Waffenplattformen zuverlässig und nicht zu Letzt billig! Es zählt also das Gesamtgefüge, auch taktisch. Was will oder muss ich bekämpfen und wo durch und schlussendlich mit welchem Restrisiko für Andere?

Zwei AD60 Geschosse nach dem Durchschlagen von 1,2mm gehärtetem Panzerstahl. Die Geschosse wurden erst von einem mehrlagigen Aramidbacking gefangen. Die verbleibende Restmaße lag bei über 99%. 

Bleibt also die Physik als letzter Stolperstein. Faustfeuerwaffen haben keine Mannstopwirkung! Bowlingkugeln aus dem achten Stock oder Wegplatten vom Fußgängerübergang schon, nur ist dies nicht mit 8 Gramm und plus/minus 400 Meter pro Sekunde realisierbar. Wer das noch immer nicht begreift, der hat sein Recht auf Teilnahme an dem Diskurs verwirkt. Kontrolliertes Aufpilzen in weichen Medien bei Masseerhalt, daraus resultierende Reduktion der Gefahr von Überpenetration und die Fähigkeit ohne zu splittern härtere Materialien zu durchdringen: DAS ist das Maximum, was wir von einem Pistolengeschoss unter Beachtung der Naturgesetze erwarten dürfen. Ist das zu wenig? Mag sein, dann nimm ein Gewehr zur Hand! Gibt es hiernach für Vollmantel noch einen Platz in der Toolbox? Im militärischen Kontext mit zahlreichen Hindernissen vor den Zielen und reduzierter Wahrscheinlichkeit von Fremdgefährdung im Vergleich zu zivilen Szenarien durchaus, vor allem wenn man die Kompatibilität mit unterschiedlichen Plattformen und den Kostenfaktor berücksichtig. Ist eine Kunsstoffkomponente im Geschoss immer schlecht? Zahlreiche Entwürfe bedienen sich solcher Elemente um ein Aufpilzen zu kontrollieren, aber Plastik als Nutzlast um zu penetrieren ist ein Witz!

Lernt schießen, danach kämpfen mit der Pistole. Versteht die physikalischen Zusammenhänge, insbesondere die der Zielballistik sowie der menschlichen Anatomie und verlasst euch nicht auf eine psychische Wirkung. Was zählt sind Treffer an den im besten Wortsinn neuralgischen Schlüsselpunkten in kurzer Zeit. Wer sich das alles verinnerlicht, wird feststellen, dass die vom Dienstherrn bereitgestellte Munition besser ist als Ihr Ruf und der sehnsüchtige Blick Richtung wie auch immer gearteter Wundergeschosse nur eins offenbart: Das eigene Unvermögen zu begreifen, was wirklich zählt um den Feuerkampf zu gewinnen. Zerlegemunition im Kaliber 9x19mm ist es jedenfalls nicht!

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