Visualisierungen in der Schießausbildung

Visualisierungen in der Schießausbildung

In der Schießausbildung kommt es, wie auch in jedem anderen Bereich der Lehre  immer wieder vor, dass in der Lerngruppe einzelne Personen, manchmal aber auch die ganze Gruppe, Probleme haben, den Stoff zu verarbeiten, hauptsächlich, aber nicht nur, in der Theorie. Obwohl eigentlich jeder Lernende hoch motiviert sein sollte, entweder weil er viel Geld in sein Hobby investiert oder weil sein Leben oder, und das ist viel kritischer, das von Kameraden, Kollegen usw. von seiner Kompetenz im Waffengebrauch abhängen könnte (Behörden, Sicherheitsdienstleister etc.), kommen diese Fälle immer wieder vor, gerade im Bereich der Behörden.

Die Gründe sind vielfältig. Sei es einerseits der Irrglaube, dass man aufgrund einer späteren Verwendung, beispielsweise im Bereich IT , die Waffe sowieso nie benutzen wird, oder andererseits die (noch) fehlende Professionalität von jungen Männern und Frauen. Auch die “Druckbetankung” mit allerlei Inhalten, gerade zu Beginn der Ausbildung, spielt sicherlich eine Rolle, die Schießausbildung ist schließlich nur ein Teil der Tätigkeit als Polizist oder Soldat. Fakt ist aber, dass von jedem Berufswaffenträger erwartet wird (und auch erwartet werden kann!), dass er handhabungssicher mit einer Schusswaffe umgeht. Wir müssen uns also Methoden überlegen, wie wir jedes Mitglied der Lerngruppe “mitnehmen” können.

Ein Mittel dazu kann die Visualisierung oder einfacher gesagt Veranschaulichung von Ausbildungsinhalten sein. Häufig muss der Ausbilder hier aus der hohlen Hand arbeiten, beispielsweise bei der Beantwortung von Fragen. Aus der Erfahrung haben sich jedoch einige Beispiele bewährt, die helfen, das Verständnis zu vertiefen oder erst den Groschen zum Fallen zu bringen.

1.) Der “Laserstrahl des Todes”

Der “Laserstrahl des Todes” hilft gerade zu Beginn der Ausbildung, Menschen die zum ersten Mal mit Schusswaffen umgehen, die grundlegenden Sicherheitsregeln zu “leben”.

Aus jeder Waffe, egal in welchem Ladezustand sie sich befindet, kommt ein unendlich langer, unendlicher heißer Laserstrahl des Todes, der alles zerschneidet, was er berührt. Da wir weder andere Menschen, noch bestimmte Gegenstände oder auch uns selbst verletzen wollen, müssen wir dafür sorgen, dass der Laserstrahl immer in eine sichere Richtung gerichtet ist. Klingt erstmal lächerlich, sorgt häufig für Grinsen oder auch Lachen – aber das wollen wir ja! Genau deshalb bleibt der Gedanke hängen und die Lerngruppe erinnert sich daran. Man kann das ganze mit einfachen Hilfsmitteln auch noch anschaulicher gestalten: Im Bereich der Behörden findet man Justierhilfen für Laserlichtmodule, die vorne in die Mündung der Waffe aufgesteckt werden und einen Laserpunkt projezieren – eben den Laserstrahl des Todes. Hat man sowas nicht zur Hand, gibt es relativ preisgünstig, beispielsweise von der Firma SightMark, Justierhilfen, die auch einen Laserpunkt projezieren. Einfach gesagt eine “Patrone”, die man ins Patronenlager der Waffe einsetzt und die dann durch das Rohr den Laserstrahl werfen.

Einmal gezeigt, entsteht ein deutlicheres Bild im Kopf des Schützen, also durch das bloße Auswendig lernen und wiederholen der Sicherheitsregeln entsteht.

2.) Der Justin Bieber V-Ausschnitt

Der Justin Bieber V-Ausschnitt ist ein ebenso humoristisches wie einfach merkbares Mittel, einem Gewehrschützen den Haltepunkt für den Bereich 0-200m zu verdeutlichen. Egal auf welche Entfernung in diesem Bereich der Schütze das Ziel bekämpfen muss, er hält auf den Punkt an, bei dem der V-Ausschnit von Justin Biebers Deep-V-Neck Shirt von Louis Vuitton zusammenläuft und erzeugt so Treffer in einem Bereich, der einen Erstschusstreffer und vermutlich ballistische Wirkung erzeugt. Auch hier erzeugt man wieder Lacher, das Beispiel bleibt hängen.

Natürlich ist dieses Beispiel abhängig von Waffe, Optik etc., aber für den Beginn der Ausbildung an einem Selbstladegewehr taugt es allemal.

Auch dürfte selbsterklärend sein, dass diese Merkhilfe den Ausbilder nicht davon befreit, den Bereich Außenballistik und alles was dazu gehört, auszubilden. Der Schütze muss trotzdem die Ablage aus Halte- und Treffpunkt auf die verschiedenen Entfernungen kennen, beispielsweise um Ziele, die nur teilweise zu sehen sind, gezielt bekämpfen zu können.

Hier können wir wieder mit Bildern arbeiten, z.B für ein auf 200m eingeschossenes Gewehr G36, auch wenn es nicht maßstabsgetreu ist:

(Zum Verständnis: Haltepunkt grün, die Treffpunkte auf die unterschiedlichen Entfernungen rot. Erstellt für G36A“0“/A1 mit voller Rohrlänge bei Nutzung des Standard ZF. Waffe eingeschossen auf 200m!)

 

Es gibt freilich noch zahllose andere Beispiele! Der wichtigste Anwendungsbereich bliebt (meiner Meinung nach) das Verdeutlichen “on the fly” auf der Schießbahn beim Aufkommen von Problemen oder wenn der Ausbilder merkt, dass bestimmte Inhalte noch nicht gänzlich erfasst wurden.

Hier trennt sich bei den Ausbildern die Spreu vom Weizen. Wer nicht in der Lage ist, spontan zu reagieren und auf Probleme und einzelne Schützen einzugehen und Mängel abzustellen, hat gerade in der Grundlagenausbildung erstmal (noch) nichts verloren und muss an sich arbeiten. Jeden Fehler oder Mangel, den der Schütze mit von der Bahn nimmt, sorgt für Frustration und nicht selten schleift der diesen Fehler lange mit durch – bis er auf einen kompetenten/kompetenteren Ausbilder trifft.

Was für Visualisierungen nutzt ihr? Welche haben euch geholfen? Teilt uns gerne eure Erfahrungen mit – die wichtigste Qualität jedes Lehrenden ist der offene Geist! Wir sind alle selber noch Schüler.

Comments

  • Hendrik Engelhardt | Feb 24,2018

    Zunächst guter Start in eine möglicherweise erkenntnisreiche Diskussion. Danke dafür!

    Der Stift oder ein anderes adäquates Werkzeug zur graphischen Darstellung für bestimmte Inhalte auf dem Schießstand bzw. der Schießbahn ist DAS Werkzeug eines jeden Ausbilders/einer jeden Ausbilderin. Mit diesem muss er/sie freilich auch sicher umgehen können. Dazu gehört als Grundlage ein tiefes Verständnis von dem was er/sie dort macht. Dieses sollte mindestens eine Stufe über die vermittelten Inhalte hinausgehen, um diese glaubhaft darstellen zu können.

    Eine Anregung zum gewählten Beispiel. Was sollen die Punkte mit Entfernungsangaben darstellen? Verschiedene Treffpunkte? Bei welchem Haltepunkt? Mit welcher Visiermarke, welchen Visiers? Dies sollte noch ergänzt werden, sonst befürchte ich, ist die Aussagekraft des Beispiels eher gering!

    • Johannes Nobel | Feb 24,2018

      Vorweg: Vielen Dank!

      Erklärung des Beispiels habe ich hinzugefügt.

      Und zum Rest des Kommentars: Vollkommen richtig, wenn ich könnte würde ich es doppelt unterstreichen und ein rotes Ausrufezeichen daneben malen!

  • Hendrik Engelhardt | Feb 25,2018

    Ein weiterer Gedanke, wenn ich darf.

    Was muss ich persönlich am häufigsten auf dem Schießstand/auf der Schießbahn erklären?

    1. Die Visiereinrichtung/-en. Da ist am häufigsten das Absehen des Zielfernrohres und seine Bedeutungen/Funktionen. Die meisten Schützen kennen das, wenn überhaupt, nur im Ansatz. Das gilt im Übrigen nicht nur für das Absehen des G36 ZF bei dem “normalen” Soldaten der Bundeswehr. Selbst “ZF – Profis” erwische ich nicht nur gelegentlich dabei.
    Aber auch die mechanischen Visiereinrichtungen stehen da nicht hinten an.

    2. Daraus folgt dann direkt die Flugbahn des Geschosses mit ihren wichtigsten Punkten und Eigenschaften. Hier natürlich die Durchgänge der Flugbahn durch die Visierlinie. Das muss ich praktisch bei jeder Ausbildung visualisieren.

    Dazu nehme ich einen Edding und zeichne das im Zuge der Erklärung auf eine Scheibe (Habe ich mir von DEM Schweizer Ausbilder abgeschaut.). Ich versuche dabei das Ergebnis durch Frage – Antwort – Spiel (also im so genanten dialogischen Prinzip) den Ausbildungsteilnehmern zu entlocken. Dabei haben Sie das Gefühl, dass sie selbst drauf gekommen sind. Das steigert das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und festigt gleichzeitig den Erkenntnisgewinn.

    Das oben aufgeführte Beispiel G36 geht praktisch damit genau in die Richtung meines zweithäufigsten Erklärbedarfs.

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