Non Standard Response 2.0

Non Standard Response 2.0

Bei Kämpfen um den Flughafen des heutigen Maputo (Mozambik) traft der rhodesische Söldner Mike Rousseau in kürzeste Entfernung auf einen gegnerischen Einzelschützen, welchen er zuerst mit einer Doublette aus seiner Browning Highpower bekämpfte. Trotz zwei klaren Treffern im Oberkörper ließ der Gegner nicht von seinen Absichten ab und blieb offensichtlich handlungsfähig. Daraufhin schoss Rousseau erneut auf den Kopf des Angreifers und traf die Halswirbelsäule, wodurch das Gegenüber sofort kampf- und handlungsunfähig wurde. Einige Jahre später erzählte Rousseau diese Anekdote Jeff Cooper und der Mozambique Drill war geboren.

Das Konzept ist einfach: die offensichtliche Schwäche der Doublette wird durch eine Verlagerung der Trefferzone behoben. Während Rousseau offenkundig noch eine Unterbrechung nach den ersten zwei Schüssen ansetzte um zu bewerten und erst dann den Haltepunkt verlagerte, entwickelte Cooper das Prinzip weiter. Die drei Schuss des Mozambique Drill und die nötige Haltepunktverlagerung erfolgte von nun an gleichsam aus einem Guss. Die Vorteile lagen auf der Hand: Durch die höhere Kadenz und die höhere Verletzlichkeit der zweiten Trefferzone im Kopfbereich versprach der Mozambique Drill, auch für im Vergleich zu Gewehren ballistisch leistungsschwachen Faustfeuerwaffen, eine effiziente und schnellere Handlungsunfähigkeit und ermöglichte auch die Steigerung der Wirkung, gegenüber dem aufkommenden Körperschutz.

Neben den genannten Vorteilen birgt der Mozambique oder auch Failure Drill allerdings offenkundige Schwachstellen. Die Anzahl der verschossenen Patronen ist gerade bei Faustfeuerwaffen für eine zügige Kampfunfähigkeit gering, vor allem dann, wenn man davon ausgehen muss, dass nicht jeder Schuss trifft. Zudem ist der Kopf in Relation sehr klein und meist in Bewegung und somit nur schwer zu treffen. Nicht zuletzt ist auch das Problem der Unterbrechung des Feuers und der darauf folgenden Bewertung ein deutliches Manko. Dies ist gerade bei hoch dynamischen Konfrontationen auf engem Raum nicht zielführend. Die logische Konsequenz aus den aufgezählten Problemen stellt der Non Standard Response, zu deutsch lose übersetzt „Schießen bis Wirkung einsetzt“, dar.

Diese Technik ist weit verbreitet und unter unterschiedlichen Bezeichnungen auffindbar. Nicht zuletzt verwendet die deutsche Polizei diese Art der Zielbekämpfung. Neben der grundsätzlich nicht vordefinierten Anzahl der Schüsse wird das Feuer auf den Torso beziehungsweise auf den Oberkörper des Gegners konzentriert. Die Vorteile liegen auf der Hand: Neben der deutlich größeren Trefferfläche werden Treffer in einem Bereich erzielt, welcher durch die Vielzahl der im Oberkörper befindlichen Organe und Blutgefäße eine hohe Verletzbarkeit darstellt.  Was auf große und Mitteldistanz ausreichend erscheint, kann auf kurze Entfernung zum Verhängnis werden. Selbst bei letalen Herztreffern verbleibt dem Gegner, entsprechende psychische Kondition vorausgesetzt, zuweilen so viel Zeit, dass er enormen Schaden anrichten kann, bevor er kampfunfähig wird. Der Umstand wird nur noch verschlimmert durch die immer mehr in der Fläche vorhandenen Körperschutzausstattungen. Sowohl ein Polizist, als auch ein Soldat muss sich im Klaren sein, dass auftauchende Gegner sehr wohl mit Plattenträgern ausgestattet den Feuerkampf aufnehmen, welche auch multiple Treffer aus Sturmgewehren standhalten.

Spätestens jetzt wird klar, dass der klassische Non Standard Response an seine Grenzen stößt. Die Trefferfläche nur auf den Torso zu beschränken ist grundsätzlich zu vermeiden. Gleiches gilt für die abgegebene Menge der Schüsse. Jeder Treffer ist besser als keiner, allerdings sind diese nicht immer effektiv und gleichwertig. Der Schütze ist dazu zu erziehen, dass er den Gegner wirklich so lange bekämpft, bis dieser kampfunfähig ist. Dies kann gerade bei der Pistole bedeuten, dass selbst ein Magazinwechsel notwendig wird. Diesem Umstand ist in der Ausbildung Rechnung zu tragen. Grundsätzlich liegt die Komplexität der Aufgabe darin begründet, dass mehrere Tätigkeiten parallel durchgeführt werden müssen. Für ein Innehalten und bewerten ist keine Zeit. Schießen, sich (in Deckung) bewegen und Bewertung der Treffer muss zeitgleich erfolgen. Ist das eigene Feuer trotz erfolgter Treffer nicht effektiv, so muss eine Verlagerung der Trefferzone erfolgen. Die Lektion vom Flughafen Maputo ist auch heute gültig, die Konsequenz sollte nur eine andere sein: Der Non Standard Response darf nicht auf den Torso beschränkt, der Kopf nicht nur mit einem einzelnen, gezielten Schuss bekämpft und das Feuer nicht unterbrochen werden. Die zu beschießende Fläche muss angepasst und erweitert werden. Wie immer ist auch hier Aggressivität der Schlüssel. Weder der Failure Drill noch der Non Standard Response sind Allheilmittel und in ihrer Ausprägung heute schon viel zu dogmatisch. Die Kombination aus hoher Feuerdichte in kurzer Zeit und die Fähigkeit aus der Bewegung heraus dynamisch und ohne Unterbrechung die Trefferzone je nach Effektivität anzupassen entscheidet am Ende den Kampf.

Diese Erkenntnis ist in der Ausbildung zu berücksichtigen. Grundsätzlich müssen einzelne Bausteine wie Zielwechsel und Anpassung der Kadenz bei unterschiedlichen Zielgrößen oder Entfernungen am Anfang stehen. Darauf aufbauend muss der Ausbilder das taktische Verständnis schulen und mit Zielmedien arbeiten, welche kein vorhersehbares Verhalten bei Treffern produzieren. Am Ende ist festzuhalten, dass gescriptete Force on Force Szenarien das effektivste Ausbildungsmittel darstellen. Durch die Vielzahl der Variablen lässt sich der Schütze am besten auf die möglichen Herausforderungen vorbereiten.

 

 

 

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.