Das Gewehrgranatgerät der Wehrmacht

Das Gewehrgranatgerät der Wehrmacht

Bild und Text Paul-Patrick Schröder

Das Gewehrgranatgerät oder kurz GGG war ein tragbarer, auf fast alle Modelle des Systems 98 aufschraubbarer Granatwerfer der Wehrmacht. Auch oftmals falsch als „Gewehrgranatgerät 42“ oder „Gewehrgranatgerät 30“ bezeichnet, war der unter Soldaten als „Schießbecher“ bekannte Aufsatz eine einfache und wirksame Maßnahme zur Steigerung der Feuerkraft des Zuges. Zwischen 1942 und 1944 wurden rund 1,45 Mio. Geräte produziert, die neben der Wehrmacht u.a. auch von der Finnischen Armee benutzt wurden, die entsprechende Lieferungen aus Deutschland erhielten. Die japanische Armee kopierte das deutsche Design unter dem Namen „Ni shiki Tekidanki“.

Das Gerät selbst bestand, trotz einiger Vereinfachungen im Laufe der Produktion, aus dem Schießbecher selbst, dem Granatvisier und dem Löseschlüssel. Letzter wird benötigt, um am Schießbecher selbst das Drallrohr vom Halter abzuschrauben. Der Halter wird an der Laufmündung befestigt und mittels Hebel an den Klemmbacken aufgeschraubt. Das schraubbare Drallrohr fasst die Gewehrgranate, wobei die eingefrästen Züge und Felder mit entsprechenden Gegenstücken am Granatboden korrespondieren und so der Granate die nötige Eigenrotation verleihen. Der Innendurchmesser des Drallrohres beträgt 30mm. Das Granatvisier, welches hinter der Kimme aufgeklemmt und festgeschraubt wurde, besaß Entfernungsmarken bis maximal 250 Meter. Alles zusammen wurde in einer aus Webmaterial oder Leder hergestellten Tasche verstaut, die der Soldat entweder am Koppel aufgeschlauft oder mittels Trageriemen über der Schulter tragen konnte. Zusätzlich gab es Tragetaschen bzw. Tragebeutel zum Transport der Gewehrgranaten und der dazu gehörigen Treibkartuschen. Insbesondere das empfindliche Granatvisier bewährte sich jedoch wenig, sodass bereits ab 1943 ein Schießverfahren eingeführt wurde, bei dem allein über Visierkimme des Gewehrs und den Rand des Bechers bzw. Ober- und Unterring des Gewehrschaftes gezielt wurde. Das komplett 1,035 kg wiegende Gerät wurde bis zur Einstellung der Produktion im Mai 1944 gebaut.

Gewehrgranatgerät mit Schlüssel und Tasche, Spreng- und Panzergranate, Kartusche sowie Tragetasche für Granaten.

An Munition gab es neben Sondergranaten wie der Gewehr-Fallschirmleuchtgranate, der mit Flugblättern zu ladenden Gewehr-Propagandagranate und der Gewehr-Blendgranate 42 mit einer nebelerzeugenden Füllung hauptsächlich Spreng- und Panzergranaten. Letztere funktionierten nach dem Hohlladungsprinzip und an der Front fanden sich fast ausschließlich die „große Gewehr-Panzergranate“, manchmal mit dem Zusatz „40“ aufgrund des Außendurchmessers von 40mm. Sie durchschlug bei einem Auftreffwinkel von 60 Grad maximal 80mm Stahl. Bemerkenswert ist, dass auch die Waffen-SS eigene Modelle der Panzergranate entwickelten, die jedoch nie die Verbreitung der gr.G.Pzgr. erreichten.

Sprenggranate (oben) und große Panzergranate sowie eine der Treibladungskartuschen mit Holzspitze.

Die zur Kennzeichnung gelb gestrichenen Gewehr-Sprenggranaten wurden im Laufe des Krieges mehrmals verbessert. Die rund 270g wiegende Granate fasste 31g Nitropenta-Sprengstoff, was ihr eine Explosionskraft in etwa gleich der deutschen Handgranatenmodelle verlieh. Spätere Modelle konnten zusätzlich neben dem Aufschlagzünder im Kopf durch einen abreißbaren Brennzünder im Granatboden zur Umsetzung gebracht werden; diese konnten auch ohne GGG als Handgranaten geworfen werden.

Der Schlüssel diente zum Abschrauben des Drallrohres z.B. zu Reinigungszwecken.

Zu jeder Gewehrgranate gab es eine spezielle Kartusche (Platzpatrone), um die Granate mittels Visier auf die richtige Entfernung zu verschießen. Geliefert wurden Granaten und Kartuschen mit Klebeband verbunden in Papphülsen. Vor dem Schuß war immer zuerst die Granate und dann die Kartusche zu laden.

Halterung und Drallrohr zerlegt. Die Klemmbacken dieses Bodenfundes mit vernarbter Oberfläche sind geöffnet.

Panzergranate geladen. Laut Vorschrift war zuerst die Granate und dann die Kartusche zu laden. 

Insgesamt bewährte sich das GGG im Fronteinsatz sehr gut. Zwar hatten die Panzergranaten gegen moderne Kampfpanzer kaum noch Wirkung, doch bewiesen sie ihren Wert weiterhin gegen leichter gepanzerte Fahrzeuge. Die Sprenggranaten bewiesen hohen Gefechtswert und konnten durch Zweitfunktion als Handgranaten auch anderweitig als Nahkampfmittel eingesetzt werden. Adaptionen für andere Gewehrtypen wie dem Karabiner 43 und dem Sturmgewehr wurden zwar untersucht, doch durch die gute Einsetzbarkeit mit dem Karabiner 98k wurden diese zeit- und ressourcenintensive Projekte aufgrund der Kriegslage wieder eingestellt. Insgesamt besaß die Wehrmacht damit ein einfaches, billiges Gerät, um den chronischen Mangel an Automatikwaffen im infanteristischen Kampf zumindest minimal auszugleichen.

 

Quellen:
Heidler, Michael: Deutsche Gewehrgranaten und Gewehrgranatgeräte bis 1945. Zweibrücken, 2014.

de Vries, Gus und Martens, Bas J.: Der Karabiner K98k. Herne, 2003.

Comments

  • Hendrik Engelhardt | Mrz 4,2019

    Wurde das Gerät auf die finnischen Nagant adaptiert oder mit zusätzlichen K98 dort verwendet? Eventuell wurden von den finnischen Kräften ja auch K98 in größeren Mengen genutzt, ohne das mir das bisher bekannt wäre?

    • Advanced Fieldsports | Mrz 4,2019

      Finnland erhielt K98k sowie GGG mit Munition. Mit den Mosin Nagants wurden erbeutete Schiessbecher und Munition aus Sowjetfertigung verwendet.

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