Einführung der AK-12: Eine Analyse

Einführung der AK-12: Eine Analyse

Titelbild: kalashnikov.media

Dieser Beitrag sollte eher “Einblick in die russische Waffenentwicklungs- und Beschaffungskultur am Beispiel der AK-12” lauten. Der initiale Funke war eine Diskussion in unserer kleinen, aber feinen Social Media Community zu eben diesem Thema. Seit Anfang 2018 ist bekannt, wie die neue russische Ordonanzwaffe aussehen soll. Ende des gleichen Jahres wurde die Auslieferung der ersten 2500 Stück bekannt gegeben. Schlussendlich im Frühjahr 2019 nun die Nachricht, dass die Luftlandekräfte bei der Belieferung priorisiert werden sollen. Die unzähligen Ankündigungen bezüglich einer Einführung eines neuen Sturmgewehrs und deren Chronologie zu schreiben, soll nicht Aufgabe des Artikels sein. Vielmehr versucht der Autor Rückschlüsse über die Beschaffenheit der Prozesse und der ihr innewohnenden Kultur sowie fiskale und verwandte Aspekte anhand der Entstehung und Einführung der AK-12 zu ziehen.

Der Handwaffensektor gehörte seit 1990 nicht zu den Schwerpunkten der russischen Rüstungsprojekte. Neben immer wieder auftauchenden, vorzugsweise für Signaturreduzierer entwickelten Wunderkalibern samt Waffen war bezüglich eines querschnittlichen Ersatzes für die AK-74M in den letzten 30 Jahren (ausgenommen das AN-94 Programm) keine ernstzunehmenden Anstrengungen erkennbar. Die Gründe hierfür sind vielfältig. So war nach dem gewaltigen personellen Abbau der 90er Jahre genug Material im Bestand, welches bei gefüllten Arsenalen auch die Regeneration innerhalb eines absehbaren Zeithorizonts (2020+) ermöglichte. Mit Ende des Kalten Krieges fokussierte sich das russischen Militär zunehmend auf die Konflikte innerhalb der GUS, welche zuweilen die Dimensionen lokaler Kriege erreichten. Die NATO wurde über Jahre hinweg nicht als Bedrohung empfunden. Der Paradigmenwechsel zeigte sich 1999 mit der Übung Zapad-99 (Запад-99). Ab der Jahrtausendwende ist im strategischen Denken der mögliche Konflikt mit dem Westen zurückgekehrt. Die primäre Bedrohung lag trotzdem an der Südflanke. Zwei Tschetschenienkriege, die fortlaufende Kampagne gegen islamistischen Terror im Kaukasus und nicht zuletzt der Georgienkrieg 2008 offenbarten gewaltige Lücken in der Doktrin, Ausbildung, Ausrüstung und Logistik. Diese drängenden Probleme wurden zunehmend zum Politikum und in einer über ein Jahrzehnt währenden Programmreihe angegangen. Die Ereignisse in der Ukraine seit 2014 und das Engagement im Syrienkonflikt haben den Reformtrend nur noch beschleunigt, auch wenn sich die Auswirkungen der Wirtschaftssanktionen bei den finanziellen Spielräumen bemerkbar machen. Dem aufmerksamen Beobachter der massiv medial begleiteten Übung Vostok 2018 (Восток 2018) zeigten sich die Früchte dieser Bemühungen. Der Schwerpunkt lag allerdings offensichtlich auf Schlüsselkompetenzen im Bereich C4ISR, einigen neu entwickelten Gefechtsfahrzeugen mit unsicherer Zukunft, der Implementierung von unbemannten Aufklärungs- und Wirkelementen, sowie dem Streben nach einer lückenlosen Zusammenarbeit zwischen den Teilstreitkräften. Die Handwaffenfrage blieb vollends unberücksichtigt.

Warum überhaupt ein neues Gewehr?

Die Gründe dafür sind vielschichtig. Neben den offensichtlichen finanziellen Grenzen der russischen Volkswirtschaft und der daraus resultierenden Priorisierung bezüglich relevanter militärischer Projekte ist die Signifikanz von Handwaffen aus russischer Fertigung für den Export ebenfalls enorm gesunken, was den wirtschaftlichen Anreiz zusätzlich senkte. Seien wir an dieser Stelle einmal ehrlich und betrachten das Gewehr als solches in seiner Wirkung: Historisch gesehen war Handfeuerwaffentechnologie vermutlich zuletzt bei der Schlacht von Königgrätz 1866 wirklich kriegsentscheidend. Warum sollte also eine Neuentwicklung überhaupt erfolgen? Die Antwort liegt im Bereich des Gesamtsystems Soldat. Mit dem 2011 vorgestellten Ratnik (Ратник) Programm sollte der Einzelschütze analog zu der Vielzahl an westlichen Zukunftsprojekten modular weiterentwickelt werden. Neben der Steigerung des Schutzes wurde auch ein Augenmerk auf Führbarkeit und den Einsatz von Optronik gelegt. Für die zu beschaffenden Peripheriegeräte reichte die AK-74M als Plattform alleine schon wegen der mangelnden Interfacemöglichkeiten nicht. Zudem war bereits die sowjetische Militärführung Ende der 80er Jahre nicht mehr vollends mit der Leistung der AK-74M zufrieden und suchte nach potentiellen Nachfolgern. Diese Suche gipfelte Mitte der 90er Jahre in der sehr eingeschränkten Einführung der AN-94. Das faktische Scheitern dieses technisch und finanziell anspruchsvollen Programms soll hier nicht weiter vertieft werden

Frühe Version der AK-12 Bildquelle: worldofguns.ru

Erst im Fahrwasser der Anforderungen des Ratnik Programms begann erneut die Entwicklung eines möglichen Nachfolgers. In den Izmash Werken entstand unter der Leitung von Vladimir Zlobin ein Entwurf, welcher mit der ursprünlichen Kalashinkov nur noch in grundlegenden Aspekten der Funktionsweise übereinstimmte. Die Ergonomie der Waffe wurde weitreichend überarbeitet und der Hebel für die Sicherung/ Feuerwahl in Dreiecksform mit der Schusshand bedienbar ausgeführt. Auch lies sich der Spannhebel wahlweise auf die andere Seite umsetzen und ein Verschlußfang wurde eingebaut. Die klappbare Schulterstütze erhielt eine Wangenauflage und das Gehäuse eine Montageschiene, welche eine durchgehende Verbindung bis zum Ende des Handschutzes schuf. Da die Anforderungen des Ratnik Programs auch eine Waffe im Kaliber 7,62×39 erforderten, reichte Izmash zudem noch eine modifizierte Variante der AK-103 als AK-103-3 ein. Dieser Entwurf verfügte bereits über einen fest montierten Gehäusedeckel, wie er später bei der aktuellen AK-12 Variante zum tragen kommen sollte. Die folgenden Erprobungen durch die Streitkräfte hatten ein überaus vernichtendes Ergebnis zur Folge. Der Entwurf wurde als nicht haltbar und zu anfällig für den Dienstalltag bewertet. Zudem erachtete man die Kosten von etwa dem sechsfachen des Preises einer AK-74M als zu hoch. Des Weiteren wurde die gerade einmal bei 10% liegende Überschneidung von Einzelteilen zu dem Vorgängermodell gerügt, da die Verwendung vorhandener Ersatzteilbestände deutlich erschwert wurde.

 

AK-12 mit K-Stand 2014. Beachte die Schulterstütze und die kombinierte Sicherung/ Feuerwahlhebel. Bildquelle: kalashnikov.media

AK-103-3 im Kaliber 7,62x39mm Bildquelle: kalashnikov.media

Der 2014 erfolgende Wechsel an der Spitze von Izmash und die Integration in den neu geschaffenen Kalashnikov Konzern brachte im gleichen Jahr die Wende. Auf Grundlage der AK-103-3 wurde ein neues, weniger ambitioniertes Design entworfen. Die Konstrukteure fokussierten sich auf einen in der Handhabung eher konservativ gehaltenen und an dem zu ersetzenden Vorgänger orientierten Entwurf. Die Sicherung wurde wieder wie seit Jahrzehnten bekannt ausgeführt und nur mit einer zusätzlichen Fingerauflage versehen, wie sie auf dem AK Custom Markt seit geraumer Zeit verfügbar ist. Auch der Verschlussträger mit Spannhebel wurde erneut klassisch und nur einseitig ausgeführt. Die größte technische Neuerung stellt der frei schwingende Lauf dar. Auch ist das Gasrohr fest mit dem Gehäuse verbunden. Der vordere Handschutz ist somit am Gehäuse befestigt und ermöglicht so eine der Präzision förderliches, freies Schwingen des Rohres. Ebenfalls von der AK-103-3 übernommen wurde der fest montierte, vom Nutzer aber zerlegbare Gehäusedeckel. Dieser neue Entwurf wies zudem eine Übereinstimmung von über 50% der Bauteile zur AK-74M auf, ist aber um knapp 500g leichter. Die 2015 für die Erprobung eingereichten Muster erhielten die Bezeichnung AK-12 (5,45x39mm) und AK-15 (7,62x39mm) und wurden nach eingehenden Untersuchungen als neues Standard Sturmgewehr für die querschnittliche Einführung von den erprobenden Stellen empfohlen.

Mit der AK-12 verfügt das russische Militär in Zukunft über eine solide Plattform, welches moderne Zielhilfen und Optronik sowie andere Peripheriegeräte aufnehmen kann, über viel mehr aber auch nicht. Bildquelle: kalashnikov.media

Fazit

Die Umstände der Beschaffung der AK-12 spiegeln in vielfältiger Hinsicht die aktuelle Kultur der russischen Streitkräfte wieder. Auf politischen Druck hin durchgeführte Großprogramme können nicht unbedingt die volle Kapazität an evolutionären Entwicklungen auf Ebene der Einzelkomponenten ausschöpfen, da sie gegen die konservative Sichtweise der Nutzer und Beschaffer prallen. Neben den offensichtlichen Budgetzwängen bleibt die Rückwärtsgewandheit in der Applikation und Manipulation der Waffensysteme das größte Hindernis. Die 70 Jahre alte Ergonomie der AK kann in der Fläche bis heute bei dem russischen Militär nicht überwunden werden. Diese teilweise vorhandene Aversion gegen moderne Lösungen lässt bedingt Rückschlüsse bezüglich der Schießausbildung und ihrer potentiellen Weiterentwicklung zu. Auch im 21. Jahrhundert setzen die Entscheidungsträger in den russischen Streitkräften auf robuste und schnell reproduzierbare Mittel und eine schlichte, schnelle und billige Ausbildung mit einem Gefechtswert, der naturgemäß nicht das volle Potential ausschöpft, dies aber auch nicht soll und muss.

Quellen:

Ein weiter Weg: Die russische Militärreform, Patrick Tuffler, 2019

Russian Military Modernization, NATO Parliamentary Assembly, SCIENCE AND TECHNOLOGY COMMITTEE, Maria Martens, 2015

The Russian State Armament Programme 2018 – 2027, NATO Defense College, Russian Studies, Julian Cooper, 2018

AK-12 & AK-15 5th Generation Kalashnikov: Rifles for the 21st Century Russian Military, in Small Arms Defense Journal, Maxim Popenker, 2018

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