G27P vs. G28 - Ein Luxusproblem

G27P vs. G28 – Ein Luxusproblem

Bild und Text: Johannes Nobel

Vorweg: Dieser Artikel behandelt nicht die Beschaffung der beiden Waffen. Die versteht nämlich sowieso kein Mensch. Eine Zusammenstellung der technischen Daten gibt es auch nicht, nur die für die Gegenüberstellung relevanten Zahlen. Vielmehr handelt es sich um einen Vergleich aus Sicht des Endnutzers. Der Titel sagt es schon: Die Qual der Wahl werden nur einige wenige Einheiten überhaupt haben. Aber wie das mit Luxusproblemen so ist, es kann ausarten. Die einen schwören auf das G27P, die anderen auf das G28. Die Scharfschützen wiederum wollen das G28 für sich und dem “Pöbel” verbieten. Der am G28 ausgebildete DMR Schütze will sich sein Goldstück aber natürlich nicht nehmen lassen, und so sieht man zwei gestandene Soldaten in der Waffenkammer, die sich um “ihre” Waffen streiten, wie Kleinkinder in der KiTa um die Lego Kiste. Der Mensch ist nun mal ein Gewohnheitstier und wer lässt sich schon gerne seine Waffe wegnehmen?

Beide Gewehre haben ihre Vor- und Nachteile. Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Der Lauf des G27P ist etwa 2cm Kürzer, der Handschutz etwa halb so lang wie beim G28. Zusammen mit dem Gehäuseoberteil, dass beim G27P aus Aluminium und beim G28 aus Stahl gefertigt ist, ergibt sich ein signifikanter Gewichtsunterschied: Gefechtsbereit und sinnvoll (dazu später mehr!) bestückt, wiegt das G27P etwa 6kg, das G28 etwa 10kg. Rein aus diesem Umstand ergibt sich schon eine Einschränkung in der Nutzbarkeit: Mit einem G28 wird auch der härteste Infanterist nicht lange am Stück der erste Mann im Raum sein. Dafür eignet sich auch die Optik nicht, womit wir beim deutlichsten Unterschied sind.

G27P mit Hensoldt 4x30i und RSA.

Auf dem G28 befindet sich primär ein exzellentes 3-20×50 Zielfernrohr vom Schmidt & Bender. Für den Kampf auf Distanz, wofür das G28 nun mal gedacht ist, ist es hervorragend geeignet. Im Nahbereich kann man ein ebenfalls im Satz befindliches Aimpoint Micro T1 als Aufbau auf dem ZF nutzen. Daraus ergeben sich dann aber wiederum Probleme. Zwar ist der „Turmbau zu Babel mit Optiken“ in der Bundeswehr weit verbreitet, aber in der praktischen Umsetzung ist das hierdurch nötige deutlich über dem Ziel anhalten gerade unter Stress schwierig. Schuster, bleib bei deinen Leisten! Und die Leiste des G28 ist die Distanz. Nicht nur der Schuss auch auf kleine Ziele bis 800m (natürlich in Abhängigkeit der Umstände), sondern vor allem das Beobachten. In der Infanteriegruppe ist standardmäßig, wenn überhaupt, das Steiner DF mit 10facher Vergrößerung vorhanden. Der geneigte Leser könnte nun fragen, wozu man mehr Vergrößerung überhaupt braucht. Ganz einfach: Im Gebirge und auch in der Wüste oder anderen Gebieten mit wenig Bewuchs kann es durchaus Sichtstrecken von über 1000m geben. Hier spielt das G28 mit einem gut ausgebildeten Schützen seine Stärken aus, wenn potentieller Feind schon früh erkannt werden kann. Auch auf kürzeren Strecken kann der Schütze Einzelheiten eines Zieles erkennen, zum Beispiel eine Zielperson während eines Handstreiches identifizieren oder ob eine Person bewaffnet ist oder nicht.

G28 mit LEM, Wabenfilter und Aimpoint Micro T-1

Das G27P mit seinem 4x30i von Hensoldt ist hier flexibler. Theoretisch befindet sich hier ein Zeiss RSA mit im Satz, das darauf montiert werden kann. Mit etwas Übung kann der Schütze aber durchaus mit dem zuschaltbaren Rotpunkt trotz der festen Vergrößerung auch im Nahbereich kämpfen und damit die o.g. Problem des „Turmbaus“ vermeiden. Das Absehen ist hier deutlich einfacher gehalten, der Schütze hat seine Visiermarken für die Distanzen und für das Vorhalten auf bewegliche Ziele. Mehr braucht er auch nicht: KISS! Auf etwa 600m findet die Optik aber seine Grenzen, darüber hinaus ist eine eindeutige Identifizierung von Zielen nicht mehr möglich oder zumindest sehr schwer. Zumal die Optik dem Schützen häufig vom MG5 bekannt ist, ist die Ausbildungszeit und die Häufigkeit von Fehlern deutlich geringer. Das leichtere Gewehr hat ebenfalls die Möglichkeit des Feuerstosses. Gerade mit montiertem Zweibein ist dieser überraschend beherrschbar zu schießen. Für das Schießen von Deckungsfeuer ist das durchaus eine wirkungsvolle Option, um Feind niederzuhalten, in Abhängigkeit von der vorhandenen Munition.

Stichwort Munition: Das G27P verschießt die altbekannte AB22 Munition, seit Jahrzehnten eingeführt in der Bundeswehr für G3 und Patronengurte für das MG3. Für das G28 gibt es präzisionsgesteigerte Munition, diese ist jedoch schwer bis unmöglich für die „normale“ Infanterie im Inland zu bekommen – selbst wenn, die Klickwerte auf dem ZF sind für AB22 vorgerechnet. Hier gibt es also erneut höheren Ausbildungs- und Anschießbedarf.

Zweckmäßig nutzen G27P Schützen lediglich ihre 4x30i Optik an der Waffe, zugunsten der besseren Nutzbarkeit dieser Optik wird die Kimme meist nicht montiert. Das höhenverstellbare Harris Zweibein, dass bei beiden Gewehren vorhanden ist, wird für gesteigerte Präzision gerne genutzt. Das Magazin fasst 20 Patronen. Zum Glück hat sich inzwischen herumgesprochen, dass der „Sturmgriff“ keine gute Option ist und er wird in der Waffenkammer gelassen. Wer immer noch denkt, so ein Bohrmaschinengriff wäre toll: 2003 hat angerufen und möchte seine dummen Ideen zurück… Je nach Auftrag wird noch ein LLM genutzt.

Das G28 hat die Kimme fest in der Schiene verbaut, durch die zweckmäßige Montage und den großzügigen Augenabstand des ZF ist sie kein Störfaktor. Bis auf diesen Umstand ist die genutzte Zusatzausrüstung gleich – mit ausnahme eines kleinen, aber feinen Unterschiedes. Im Satz G28 findet sich ein kompakter und leichter Laserentfernungsmesser. Mit etwas Zeit lässt sich damit der Feuerkampf wunderbar vorbereiten: Die vergessene Kunst der Entfernungsspinne!

Der gut ausgebildete G28 Schütze nutzt das sogenannte „Kampfvisier“. Das bedeutet, dass er den Höhenverstellturm nicht auf verschiedene Distanzen einstellt, sondern das MilDot Absehen zum Anhalten nutzt. Das erlaubt eine deutliche schnellere Bekämpfung von Zielen auf unterschiedlichen Entfernungen ohne Aufgabe der Beobachtung durch das ZF, setzt jedoch erhöhten Ausbildungsaufwand und einen gewissen Hirnschmalz voraus. Entweder hat man die Strichwerte aus Erfahrung im Kopf oder man nutzt ein „Mogelpapier“ auf der Waffe, vorzugsweise in der Abdeckung des ZF. Was anfangs recht kompliziert erscheint, erlaubt mit Übung eine Geschwindigkeit in der Zielbekämpfung, die dem Neuling die Kinnlade herunter klappen lässt.

G28 mit LEM und Aimpoint Micro T-1 und montiertem Wärmebildgerät CNVD-T3.

Detailaufnahme Wärmebildgerät CNVD-T3.

Fazit:

Obwohl die Waffen von der Funktionsweise her gleich sind und innerlich bis auf Kleinigkeiten identisch sind, scheinen G27P störungsanfälliger zu sein. Bei 4 von 4 Waffen traten nach 800 Schuss ohne Reinigung erste Zuführstörungen auf. Zwar ließ sich das Problem mit etwas Öl beheben, aber es trat auf. Bei den parallel benutzen 4 G28 ergaben sich keine Störungen. Der praktische Vergleich zeigte: Geübte und gut ausgebildete Schützen sind mit dem G28 im Aufgabenbereich des „Zielfernrohrschützen“ / Designated Marksman einem Schützen mit G27P überlegen. Weniger gut ausgebildete Schützen erreichen jedoch mit letztgenanntem Gewehr deutlich schneller brauchbare Ergebnisse. Zur Präzision: Erfahrene und talentierte Schützen erreichen mit beiden Waffen auf 100m Streukreise von unter 3cm mit AB22 in 5 Schuss Gruppen. Die Unterschiede zeigen sich erst mit steigender Distanz aufgrund der Optiken.

Ein letzter Punkt: Beim G28 muss die Schusszahl genau dokumentiert werden und es gibt feste Intervalle, in denen die Gewehre zu Prüfungen ins Depot gebracht werden müssen. Aus offensichtlichen Gründen werden hier keine genauen Zahlen genannt, nur so viel: In Einheiten, welche die Gewehre nicht nur zur Zierde in der Waffenkammer lagern, sondern sie für Übungen nutzen und viel schießen, sind die Gewehre häufig nicht verfügbar. Zusammengefasst lässt sich sagen: Das Luxusproblem ist leicht lösbar. Nur gut ausgebildete Schützen mit einem gewissen Talent und einer erhöhten Denkfähigkeit können das G28 zu seinem vollen Potential nutzen. Insofern ist eine Nutzung in einem Scharfschützentrupp durchaus sinnvoll, da diese regelmäßig über die o.g. Voraussetzungen verfügen. Sind solche Schützen nicht vorhanden, ist die Nutzung des G27P deutlich zweckmäßiger. Ebenfalls ist das der Fall, wenn ohnehin nicht mit Kampfentfernungen über 600m zu rechnen ist und/oder der Schütze auch auf kurze und kürzeste Entfernungen kämpfen soll/muss.

 

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