Hellriegel M1915

Hellriegel M1915

Text: Kristóf Nagy

Bilder: Archiv Österreichische Nationalbibliothek

Die Hellriegel M1915 ist eine mysteriöse Waffe. Bereits bei der Bestimmung der richtigen Kategorie, Maschinengewehr oder Maschinenpistole und dem tatsächlichen Namen beginnen die Schwierigkeiten. Die einzigen, verfügbaren Quellen titulieren sie als Maschinengewehr. Dies ist jedoch nicht verwunderlich, war der Terminus Maschinenpistole zu dem Zeitpunkt einfach noch nicht erfunden. Heute ist kein Exemplar vorhanden, von dem die Forschung weiß. Vermutlich hat der oder die Prototypen, sollte es je mehr als eine Waffe gegeben haben, den Weltkrieg nicht überlebt. Als einzige Quelle und Beleg für die Existenz dieser Waffe dienen uns heute drei Aufnahmen aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek. Ziel dieses Beitrages soll es sein einige Aspekte an diesen Bildern aufzuzeigen und in einen Kontext zu betten.

Die Bilddokumente

Die drei vorhandenen Aufnahmen zeigen die Waffe bei der Erprobung, bzw. auf einem Tisch mit Zubehörteilen und den unterschiedlichen Magazinen. Interessant ist die Auswahl der Bilder. Diese zeigen die Waffe in der Totalen, sowie im Anschlag und mit zusätzlichem Personal wie dem Munitionsträger um eine konzeptionelle Einordnung zu ermöglichen. Für einen Moment sollte auch der Sammlungskontext der Bilder berücksichtigt werden. Die drei Aufnahmen entstammen den Kriegspressequartier Alben 1914 – 1918. Es sind also offizielle Aufnahmen der mit Propaganda- und Dokumentarauftrag versehenen Abteilung des österreichisch-ungarischen Armeeoberkommandos und keine privaten Schnappschüsse, die zufällig im Archiv landeten. Es ist daher davon auszugehen, dass der Fototermin hinreichend vorbereitet wurde und wie oben dargelegt, mit dem Bildprogramm ein klares Ziel verfolgt wurde.

Waffe im Anschlag mit Trommelmagazin und flexibler Gurtzuführung Inventarnummer WK1/ALB081/24272

Verschlusskape des Rohrmantels, Ausschnitt aus der Inventarnummer WK1/ALB081/24272

Konzeption

Nach Analyse der Bilder kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass es sich um eine Waffe in einem Pistolenkaliber handelt. Die von zahlreichen Autoren geäußerte Vermutung, dass das Kaliber 9 mm Steyr als Standard Pistolenmunition der Monarchie verwendet wurde ist naheliegend, wenn auch nicht belegt. Deutlich interessanter ist jedoch der konzeptionelle Ansatz, welcher bei der Betrachtung der Bilder unweigerlich klar wird. Der oder die Konstrukteure wollten eine Mehrrollenwaffe entwickeln, welche mit einem Trommelmagazin ausgestattet stationär eine hohe Feuerkraft bot und mit einem Stangenmagazin versehen den Kampf aus der Bewegung heraus ermöglichte. Ein spezieller, halbkreisförmiger Rahmen sorgte für die richtige Ausrichtung des Trommelmagazins. Die angedachten Kampfentfernung für die stationäre Rolle überragte die heute für eine Pistolenpatrone gemeinhin akzeptierten Reichweite signifikant. Deutlich wird dies an der klappbaren Kimme für einen hohen Anstellwinkel. Anzumerken ist, dass in der Zeit auch Pistolen wie die P08 mit Visiermarken für Entfernungen von mehreren hundert Metern ausgestattet wurden. Der Patrone 9x19mm, sowie vergleichbaren Laborierungen, mit einem Gefahrenbereich von deutlich über einem Kilometer, traute man gegen Flächenziele wie geschlossene Marschkolonnen viel zu. Um eine hohe Kadenz und Schusszahl zu ermöglichen, wurde der Entwurf mit einer Wasserkühlung in Form eines Mantels um das Rohr versehen. Der angesprochene Munitionsträger hätte sodann nach erfolgtem Einbruch in die feindliche Stellung die Konsolidierung und das Halten gegenüber einem Gegenangriff auch über einen längeren Zeitraum, bis eigene Maschinengewehre vorgezogen werden konnten, durch eine ausreichende Munitionsversorgung ermöglicht. Diese taktische Überlegung vereint gleichsam das Konzept der Maschinenpistole mit dem des Universal Maschinengewehres. Das dies nicht praktikabel funktionieren kann, tut der visionären Qualität und der Vorreiterrolle des Entwurfes keinen Abbruch.

Links Munitionsträger, rechts die Waffe mit eingesetztem Kastenmagazin Inventarnummer WK1/ALB081/24273

Details der beidenen Magazintypen, Ausschnitt aus der Inventarnummer WK1/ALB081/24271

Interessant ist zudem die Verwendung von offenkundig zwei Verschlussfedern, welche parallel angeordnet sind und den vermutlich reinen Masseverschluss verriegeln. Es ist anzunehmen das die Waffe aufschießend ausgelegt wurde, jedenfalls suggeriert das die Aufnahme, welche einen Schützen kurz vor Feuereröffnung zeigt. Unter dem Kühlmantel findet sich zudem ein Schaftelement, welches den Anschlag erleichtern sollte. Die Forschung ist sich im Allgemeinen einig, dass es kein Zweibein gab. Diese Aussage ist bei nur drei Bildern und keinerlei schriftlichen Dokumenten als schwierig zu betrachten. Das es noch weitere Komponenten für die Waffe gegeben haben könnte ist nicht gänzlich unwahrscheinlich. Es ist jedoch anzumerken, dass ein Zweibein mit dem hoch aufbauenden Zuführung des Trommelmagazines nur schwerlich harmoniert hätte.

Die beiden aus dem Gehäuse ragenden Federführungsstangen und der Spannhebel sind deutlich zu erkennen. Das Korn ist aufgeklappt, Ausschnitt aus Inventarnummer WK1/ALB081/24272

Rahmen für das Trommelmagazin, Ausschnitt aus Inventarnummer WK1/ALB081/24272

Was wissen wir noch

Die Datierung der Bilder mit „10.1915“ ist sicherlich ein überaus relevanter Aspekt. Erfolgten die Aufnahmen in der Tat im Oktober 1915, so ist davon auszugehen, dass die Idee für die Hellriegel M1915 bereits Ende 1914 oder Anfang 1915 entstand, was überaus früh ist. Auch der Namenszusatz „Standschütze“ ist überaus interessant. Weist er doch den vermeintlichen Konstrukteur als Angehörigen der freiwilligen Schützen aus, welche Jahrhunderte lang den Kern mobilisierbaren Kräfte im Alpenraum bildeten. Diese Freiwilligenverbände waren in den ersten Wochen nach dem Kriegseintritt Italiens Ende Mai 1915 das Rückgrat der Verteidigung an der Alpenfront. Es ist dennoch nur eine Vermutung, dass die Waffe für den Gebirgskampf angedacht wurde. Fakt ist, dass eine andere, frühe Maschinenpistole in Form der Villar-Perosa genau in diesem zerklüfteten und schwer zu überwindendem Gelände seine Fähigkeiten besonders gut ausspielen konnte, jedoch auf der Seite Italiens.

 

Comments

  • Hendrik Engelhardt | Jun 14,2020

    Wirklich sehr interessant! Es gibt in diesem historischen Feld immer wieder Sachen zu entdecken, welche man selbst noch nie gesehen hat! Mich hat vor allem der Aspekt der Reichweite an die damals gültigen Schießregeln erinnert. Es war damals (vor und zu Beginn des Krieges) nicht unüblich mit völlig überzogenen Ideen und Vorstellungen von den Reichweiten bzw. der Wirksamkeit oder auch effektiven Kampfentfernung der eingesetzten Infanteriewaffen auszugehen bzw. damit zu arbeiten. Zugfeuer mit den Gewehren und einer “Feuerleitung” durch den Offizier per Doppelfernrohr oder gar auf Kompanieebene mit entsprechend angegebenen Erhöhungen oder Visiereinstellungen waren auch im Kampf zu Anfang offensichtlich Gang und Gäbe. Dies ist z.B. im Rommel “Infanterie greift an” nachzulesen. Gleiches gilt für die Schießregeln mit den Maschinengewehren. Die eingesetzten MG-Kompanien orientierten sich mit den Schießregeln und “Schießverfahren” eher an dem, was wir heutzutage für Steilfeuerwaffen (z.B. Mörser/Granatwerfer im direkten Richten) benutzen.

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