Federal Spedeheat 206, Flite Rite 230 und 232 Tränengasgranate

Federal Spedeheat 206, Flite Rite 230 und 232 Tränengasgranate

Text: Kristóf Nagy

Bilder: Sofern nicht im Untertitel bezeichnet Kristóf Nagy

Die Verwendung von Tränengas geht zurück auf den Beginn des ersten Weltkrieges. Bereits ab 1919 entwickelte das United States Army Chemical Corps ein spezielles Reizstoffgas für den Ordnungsdienst. Spätestens mit den Unruhen der 30er Jahre begann der rasante Aufstieg dieses Wirkmittels. Den stetig wachsenden Markt für Ausbringungsmöglichkeiten an Tränengas im polizeilichen Kontext dominierten in den USA zwei Unternehmen. Neben der Lake Erie Chemical Company etablierte sich das Federal Laboratories aus Pennsylvania als zuverlässiger Lieferant für Produkte rund um Mittel zur weniger letalen Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit des menschlichen Körpers. Eines der kuriosesten Entwicklungen in diesem Bereich stellten zweifelsohne die Wirkmittel dar, welche auf hohe Distanz und zum Durchdringen von Material ausgelegt wurden. In diesem Beitrag sollen genau diese Wuchtgeschosse mit Reizstoffnutzlast aus der Produktion von Federal Laboratories exemplarisch betrachtet werden.

Federal Spedeheat 206

Die Spedeheat 206 Granate wurde ab Mitte der 60er Jahre gefertigt und bildete das Fundament des weltweiten Verkaufserfolgs dieser Kategorie von Munition für das Herstellerunternehmen. Sie war für Werfer im Kaliber 37/38mm ausgelegt und herstellerunabhängig verschussfähig. Als Reizstoff kam der heute als veraltet geltende Wirkstoff CN (Chloracetophenon) zum Einsatz, welcher seinen Ursprung noch im 19. Jahrhundert hat. Konstruktiv war das Geschoss so ausgelegt, dass nach dem Verschuss ein Brennzünder mit einer Verzögerung von 3 Sekunden aktiviert wurde. Nach dem Abbrand der Verzögerungsladung wurde die 42g betragende Wirkstoffladung aus mehreren Öffnungen im Geschosskörper über einen Zeitraum von 30 Sekunden in die Atmosphäre ausgeblasen. Eine Fragmentation oder gar Explosion der Granate war ausgeschlossen. Die maximale Schussweite lag im Bogenschuss bei etwa 150m. Der Aluminiumkörper erhitze sich allerdings dermaßen, dass nach dem Einschlag eine deutliche Brandgefahr davon ausging.  Neben der bereits erwähnten CN Beladung wurde unter der Bezeichnung 506 auch eine moderne, CS (Chlorbenzylidenmalonsäuredinitril) befüllte Version mit identischen Parametern hergestellt. Trotz der spitzen Geschossform und einer Mündungsgeschwindigkeit von etwa 70 m/s erwies sich das Projektil als instabil und überschlug sich häufig im Flug, was negative Einfluss auf Präzision und Reichweite hatte.

Schematische Darstellung der Federal Spedeheat 206, Bildquelle: Thomas S. Crockett, POLICE CHEMICAL AGENTS MANUAL

Federal Flite Rite 230

Mit der 230er Granate erhöhte Federal die maximale Schussweite des Wirkmittels drastisch auf über 300m. Erreicht wurde dies unter anderem mit einer reduzierten Wirkstoffladung von nur noch 35g CN und drei nach dem Abschuss seitlich ausklappender Stabilisatoren. Diese kleinen Flügel versetzten das Geschoss in Rotation und erzeugten so durch Drallstabilisierung eine deutlich höhere Präszision und Flugweite. Auf diese Maximaldistanz war ein präzises Treffen jedoch nicht möglich. Als sinnvolle Schussweite zum Durchdringen von Hindernissen gab der Hersteller eine Entfernung von 70m an. Auf diese Distanz war die Granate in der Lage einfachverglaste Fenster zu durchschlagen. Gegen festere Materialien, wie z.B. 19mm Sperrholz war die Granate noch auf 45m effektiv. Neben dem auf drei Sekunden kalibrierten Verzögerungssünder blieb auch die von der 206 bekannte, latente Brandgefahr nach dem Verschuss. Interessanterweise sank die Mündungsgeschwindigkeit auf nur noch 55 m/s. Unter der Bezeichnung Federal Flite Rite 530 stand ebenfalls eine CS befüllte Version mit ansonsten identischen Merkmalen zur Verfügung.

 

Schematische Darstellung der Flite Rite 232 mit ausgeklappten Flügeln, Bildquelle: Thomas S. Crockett, POLICE CHEMICAL AGENTS MANUAL

Federal Flite Rite 232

Mit dieser Serie sollten sämtliche Probleme der vorherigen Produktvarianten behoben werden. Die bewerte, präzisionssteigernde Drallstabilisierung wurde beibehalten. Der Verzögerungszünder wurde jedoch zugunsten eines Aufschlagzünders ausgetauscht. Hiervon versprach man sich eine instantane Wirkung auch bei geringeren Distanzen und eine Herabsetzung des Brandrisikos. Zudem wurde die Art der Ausbringung des Reizstoffes verändert. Anstelle eines verzögerten Ausgasens innerhalb von etwa 30 Sekunden erfolgte bei der 232 die Abgabe blitzartig in wenigen Sekunden.

Fazit

Die Wuchtgeschosse von Federal für 37/38mm Werfer sind keine alleinstehende Entwicklung. Auch andere Unternehmen produzierten vergleichbare Reizstoffgranaten. Diese gab es nach dem gleichen Prinzip auch für Gewehrgranaten in zuweilen deutlich größerem Kaliber und mit mehr Wirkladung. Granaten und Werfer im behandelten Kaliber sind heute zumeist durch 40mm Plattformen verdrängt worden. Trotzdem finden sie sich bis heute, zuweilen auch in europäischen Polizeibeständen Waffen dieser Art, welche immer noch aktiv verwendet werden. Wer sich für die Werfer zum Einsatz solcher Tränengasgeschosse interessiert, dem sei der Blogbeitrag zur Smith & Wesson Chemical Company 37mm Model 276 Gas Gun empfohlen.

Quelle:

Thomas S. Crockett, POLICE CHEMICAL AGENTS MANUAL, Washington 1969

Wir danken Paul Skon für die Unterstützung!

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