Identifikationshilfe Surplus-Munition

Identifikationshilfe Surplus-Munition

Text und Bild: Kristóf Nagy und Benjamin Albrecht

Für viele Schützen ist die Nutzung sogenannter “Surplus Munition”- also aus militärischer Fertigung stammender, überschüssiger Munition – finanziell überaus interessant. Der Grund dafür ist recht offensichtlich. Bei durchaus anständiger und häufig konstanter Qualität sind diese Patronen für kleines Geld zu bekommen. Aber woher stammt diese Munition? Ist sie immer klar deklariert und wie kann man im Zweifel den Ursprung wirklich herauszufinden? Dieser Frage sind die Autoren dieses Beitrags anhand von Fallbeispielen nachgegangen.

Fragestellung

Aus militärischen Überbeständen stammende Munition kann in weiten Teilen der Welt und insbesondere in Deutschland nicht ohne weiteres in den Verkehr gebracht werden. Das erste Problem ist die nicht CIP konforme Markierung der Gebinde und auch der einzelnen Patrone. Jeder Waffensachkundige weiß, dass Munition für den regulären Verkauf (Ausnahme ist eine Munitionserwerbsberechtigung für Munition aller Art) eine klare Markierung bezüglich Kaliber und Hersteller bzw. ein Händlerzeichen aufweisen muss. Dies ist bei Surplus Munition allerdings in den seltensten Fällen gegeben. Daher wird diese zumeist auf der Längsseite der Hülse mit einem nachträglichen Aufdruck versehen. Aber wer führt diese Markierungen durch? Ist es der Importeur, oder gibt es eine Zwischenstufe? Folgende Fragen drängen sich auf:

  • Wer ist der Hersteller (Firma und Land)?
  • Wann wurde die Munition hergestellt?
  • Aus welchem Material besteht die Hülse und das Geschoss?
  • Ist ein korrosives Zündhütchen verladen worden?

Die folgenden Fallbeispiele erläutern exemplarisch an konkreten Patronen und ihrer Verpackung, was Markierungen und Stempel aussagen und was nicht. Zudem wird eine Quelle aufgezeigt, welche bei der Spurensuche zum Ziel führen kann, aber nicht muss.

Das Geschossmaterial, in diesem Fall ein Flussstahlkern, ist nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich.

Tschechisch oder auch nicht?

Diese Patrone war der Auslöser für den vorliegenden Beitrag. Die Autoren besahen sich die verkupferten Hülsen und wunderten sich. Noch nie war ihnen eine Patrone aus tschechischer oder tschechoslowakischer Fertigung in dieser Form begegnet. Die Verpackung jedoch zeigt eindeutig den Ursprung in der Tschechischen Republik, bei einem Unternehmen mit dem Namen SVT Technology. Die Munition wird zudem offenkundig unter der Marke Scorpio vertrieben. In diesem Fall ist das in Prag ansässige Unternehmen nur für die CIP-konforme Umverpackung und Markierung auf der Patrone verantwortlich. Der ursprüngliche Hersteller ist jemand anderes. Der Hülsenboden offenbart den Herstellercode und das Fertigungsjahr. Während die „74“ in der sechs Uhr Position noch einfach als 1974 herleitbar ist, wirft die „944“ in der 12 Uhr Position schon deutlich mehr Fragen auf. Hier hilft ein kostenloser Onlinekatalog.

Der Bodenstempel ist eine verlässliche Informationsquelle, aber wie ließt man die vorhandenen Markierungen?

Die INTERNATIONAL AMMUNITION ASSOCIATION gilt seit ihrer Gründung 1955 als führender Verband für Munitionskunde und publiziert einmal im Jahr das International Ammunition Journal. Aber auch ohne eine Mitgliedschaft kann man von den Errungenschaften dieser Organisation profitieren und das sogar vollkommen kostenfrei.  Die online verfügbare Liste an Bodenstempeln ist vermutlich die umfangreichste Auflistung, welche man findet. Konsultiert man diesen Katalog im Fall unserer Munition, wird schnell offensichtlich: „944“ steht für Unknown Factory, Peoples Republic of China. Damit ist klar, die Patronen kommen aus der Volksrepublik China. Der anschließende Magnettest offenbart das Hülsen- und Geschossmaterial. Die verkupferte Hülse besteht aus Stahl. In diese ist ein Flussstahlkern Geschoss verladen, welches nur einen dünnen Mantel und ein Bleihemd aufweist. Bei dieser Patrone ist Obacht geboten, denn es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein korrosives Zündhütchen verladen.

In diesem Fall nicht der Hersteller, sondern nur für Markierung und Verpackung verantwortlich: Das Unternehmen SVT Technology.

Warum in die Ferne schweifen, das Gute liegt doch so nah…

Die Verpackung wirkt umgehend vertraut, aber die Stempel passen irgendwie nicht und dies hat seinen Grund. Während die aus gelber Pappe bestehende Umverpackung eindeutig aus der ehemaligen DDR stammt, offenbart das Beschusszeichen mit dem Bundesadler eine kommerzielle Nutzung nach der Wende. Interessant ist die Kaliberbezeichnung „7,62×39 sSe“. Hier kann man nur auf Grundlage der historischen, deutschen Munitionsterminologie die Vermutung angestellt werden, dass es sich um ein „schweres Spitzgeschoss mit Eisenkern“ handelt. Faktisch ist in dem Paket ein von dem Beschussamt Ulm als CIP konform deklarierte Patrone M43 im Kaliber 7,62×39 aus der Fertigung des Volkseigene Betrieb (VEB) Mechanische Werkstätten Königswartha vorzufinden. Daher muss der Nutzer auch hier davon ausgehen, dass in der Patrone ein korrosives Zündhütchen verladen worden ist. Was allerdings schwerer wiegt, ist die Enttäuschung, wenn die oben erwähnte Quelle konsultiert wird. Die Liste der  INTERNATIONAL AMMUNITION ASSOCIATION, so umfangreich sie auch sei, führt den Bodenstempel „04“ nicht auf. In diesem Fall ist also eine erweiterte Recherche notwendig, die sich häufig schwierig gestaltet.

Auf den ersten Blick wirft der Bodenstempel mehr Frage auf, als er beantwortet. 

Der Kenner erkennt es sofort. Diese Munition ist aus DDR Fertigung.

Die nachträgliche CIP Markierung kann in Größe und Beständigkeit auf der Hülse deutlich variieren.

Wenn der Bodenstempel fehlt

Zuweilen ist der Bodenstempel jedoch nicht vorhanden. Gerade bei aus deutschen Behördenbeständen stammender Munition wird diese normalerweise überaus beständige Markierung sehr oft durch Fräsen entfernt. Diese ist dann nur noch rudimentär zu erkennen. Der auf der Verpackung angegebene Hersteller ist es genau das, wird doch häufig das Pulver getauscht oder verringert. Somit erfolgt neben der CIP Markierung und erneuten Verpackung der Munition auch ein Herstellungsschritt an den einzelnen Patronen. Was bleibt, ist eine Laborierung von zumeist überaus brauchbarer Qualität, die allerdings nicht mehr identisch mit dem ursprünglichen Behördenprodukt ist. Hülsenmaterial und Geschoss entsprechen in dem vorliegenden Fall jedoch den ursprünglich an die Bundeswehr gelieferten Patronen, auch wenn die V0 und der Gasdruck etwas reduziert ist. Zudem ist auszuschließen, dass es sich um korrosive Zündhütchen handelt.

Das Kreuz zeigt es eindeutig: Das war mal eine NATO versorgte Militärpatrone.

In diesem Fall hilft die Transparenz seitens des Herstellers, welcher eindeutig die reduzierte Pulverladung angibt und eine eigene Losnummer vergibt. 

Fazit

Ob der Ursprung von Surplus Munition für den Schützen relevant ist oder nicht, muss dieser natürlich selbst entscheiden. Gemeinhin handelt es sich in diesem Segment nicht um die hochwertigste, aber um dennoch brauchbare Munition. Daher kann es durchaus sinnvoll sein, wenn man hin und wieder „hinter die Kulissen“ blickt, um zu verstehen, ob z.B. Trefferpunktverlagerungen an der Waffe liegen oder ob man trotz vermeintlich gleichen Herstellers unter Umständen eine ganz andere Munition verschießt.

Quellen:

IAA Head Codes Liste

Gerd Mischinger: Der Volkseigene Betrieb (VEB) Mechanische Werkstätten Königswartha und seine Produktion von Munition für Handfeuerwaffen, 2002

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